Oliver Kahn

In seiner größten Zeit war Oliver Kahn einer der allerbesten Torhüter weltweit. Bereits beim Karlsruher SC, wo schon sein deutsch-litauischer Vater Rolfs Kāns (28 Oberliga- und 11 Bundesligaspiele von 1962 bis 1965, anschließend 80 Regionalligaspiele für Phönix Bellheim und den FC Homburg) und sein Bruder Axel (fünf Zweitligaspiele in der Saison 1986/87) gespielt hatten, fiel Kahn als großes Torwarttalent auf. Der junge Keeper hatte eine mächtige Physis, auf der Linie eine enorme Sprungkraft, eine extrem dominante Persönlichkeit, lediglich gewisse Schwächen bei hohen Bällen.
Nach seinem Wechsel zu den Bayern im Sommer 1994 entwickelte sich Kahn auf der Linie und in Eins-gegen-Eins-Duellen zum Weltklassemann. Durch seine Präsenz im Herauslaufen bekam er auch die Schwierigkeiten in der Luft in den Griff. Was blieb, waren seine fußballerischen Mängel. Abschläge aus der Hand waren gut, aber mit dem Ball am Fuß hatte Oliver Kahn seine einzige Schwäche. Dennoch wollte er in der Nachspielzeit der Saison 2000/01 partout den Freistoß schießen, der Schalke schließlich zum Meister der Herzen machte. Stefan Effenberg musste seinen Torwart überreden, Patrik Andersson den Ball zu überlassen.
Viele Jahre lang war Kahn der Chef der Bayern, eine dominante Figur im Mannschaftskreis, die in der Kabine einiges regelte. Zum “Titan” wurde Kahn durch sienen unbändigen, gelegentlich nahe an den Wahnsinn heranreichenden Ehrgeiz, der weder ihn selbst noch seine Gegner oder Mitspieler schonte. Sein Versuch, Heiko Herrlich zu beißen (1999), im gleichen Spiel sein gewagter Sprung in Richtung Stéphane Chapuisat, sein vermeitliches Ausgleichstor in Rostock, wo er den Ball ins gegnerische Tor faustete und dafür Gelb-Rot sah (2001) und sein Angriff auf Thomas Brdaric (2002) sind ebenso Teil von Oliver Kahns Legende wie das Spiel, in dem er seinen Mitspieler Andreas Herzog durchschüttelte, und die Partie in Freiburg, in der er von einem Golfball getroffen trotz schwerer Platzwunde weiterspielte.
Wegen solcher Szenen, seiner gewaltigen Statur, seiner verwegenen Frisur und seinem grimmigen Gesichtsausdruck wurde Kahn vom TV-Moderator Harald Schmidt einmal mit einem Gorilla verglichen, seitdem immer mal wieder von gegnerischen Fans mit Bananen beworfen.
Als Vereinsspieler ist Oliver Kahn über alle sportlichen Zweifel erhaben. In 14 Jahren bei den Bayern (zuvor hatte er sieben Bundesligajahre mit dem KSC absolviert, in den ersten drei jedoch nur insgesamt viermal gespielt) gewann er 17 Titel. Dreimal war er Welt-, viermal Europas, fünfmal Deutschlands Torhüter des Jahres. Sein größtes Spiel war das Champions-League-Finale 2001 in Mailand gegen den FC Valencia. Zwei Jahre nach dem Sekundentod von Barcelona, der dramaitschen 1:2-Endspielniederlage gegen Manchester United, hielt Kahn im Elfmeterschießen drei Schüsse.
In der Nationalmannschaft ist Oliver Kahn hingegen eine tragische Figur. Bei sieben Turnieren war er im Kader, aber nur dreimal als Stammtorhüter. Bei den Europameisterschaften 2000 und 2004 hatte Kahn das Pech, dass die restliche Mannschaft nicht viel taugte. 2002 spielte er eine überragende Weltmeisterschaft, hielt Deutschland mehr oder weniger alleine im Turnier, wurde als bislang einziger Torhüter zum besten Spieler eine WM gewählt, machte aber im Endspiel gegen Brasilien den spielentscheidenden Fehler, als er einen Schuss von Rivaldo nach vorne prallen ließ. Dort lauerte Ronaldo.
Die WM 2006 in Deutschland wäre Kahns Karrierehöhepunkt gewesen. Aber mit der Begründung, Jens Lehmann sei der modernere Torwart, degradierte Kahns ehemaliger Mitspieler Jürgen Klinsmann den Bayern-Keeper zur Nummer 2. Dass Kahn diese Rolle akzeptierte und Lehmann im Elfmeterschießen gegen Argentinien Mut machte, gab ihm im 19. Jahr seiner Profikarriere das lange im Verborgenen gebliebene menschliche Antlitz.

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